Baader-Meinhof

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Der Zyklus 18. Oktober 1977 besteht aus 15 Gemälden, die Gerhard Richter zwischen März und November 1988 malte. Sie sind das Ergebnis seiner intensiven Beschäftigung mit der linksradikalen terroristischen Vereinigung Rote-Armee-Fraktion (RAF)[1], die seit Beginn der 1970er Jahre in der Bundesrepublik aktiv war. Mit Banküberfällen, Bombenanschlägen und Attentaten finanzierte die Gruppe ihr Leben im Untergrund und kämpfte gegen den Staat, bis 1972 die führenden Mitglieder der ersten Generation festgenommen werden konnten[2]. Sie waren grob gegen die amerikanische Hegemonie, den deutschen Autoritätsstaat, in dem sie ein erneutes Erstarken des Nationalsozialismus zu erkennen glaubten, und generell antikapitalistisch ausgerichtet, allerdings kaum in der Realpolitik verankert[3]. Ihre terroristischen Aktionen, die bis dahin beispiellose Art ihrer Verfolgung durch den staatlichen Polizeiapparat sowie ihr kollektiver Selbstmord[4] spalteten lange Zeit die Meinungen[5].


Der Titel des Zyklus 18. Oktober 1977 verweist auf den Tag, an dem Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe tot in ihren Zellen in Stuttgart-Stammheim aufgefunden wurden. Mehr als 10 Jahre später setzte sich Gerhard Richter mit dem Thema künstlerisch auseinander, wobei er seine Beweggründe folgendermaßen erläutert[6]: „Anfang der 60er Jahre, von der DDR kommend, weigerte ich mich natürlicherweise, Verständnis für die Ziele und Methoden der RAF aufzubringen. Ich war zwar von der Energie, von dem kompromisslosen Willen und dem absoluten Mut der Terroristen beeindruckt, aber ich konnte dem Staat seine Härte nicht verdenken; Staaten sind so, und ich hatte andere, erbarmungslosere erlebt. Der Tod der Terroristen und alle damit in Zusammenhang stehenden Geschehnisse davor und danach bezeichnen eine Ungeheuerlichkeit, die mich betraf und mich, auch wenn ich sie verdrängte, seitdem beschäftigte, wie etwas, was ich nicht erledigt hatte.[7]


Die Bilder wurden im Rahmen der Ausstellung Gerhard Richter. 18. Oktober 1977 im Museum Haus Esters in Krefeld 1989 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert und lösten einen Skandal aus, was auch zeigt, dass das Thema für die deutsche Öffentlichkeit keinesfalls abgeschlossen war. Daran schloss sich eine fast zwei Jahre dauernde nationale und internationale Tournee der Bilder an, wobei es bestimmte Auflagen für die Presse gab[8]. Die Bilder gingen zuerst für 10 Jahre als Leihgabe an das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt (Main) und wurden 1995 an das Museum of Modern Art in New York verkauft, wo sie seit 2000 zu sehen sind[9].


Die 15 Gemälde des Zyklus zeigen insgesamt 9 verschiedene Motive, wobei einige in mehreren Versionen ausgeführt wurden. Die Reihenfolge ist dabei nicht eindeutig festgelegt[10]. Die Gemälde haben unterschiedliche Formate und nur ihr Inhalt sowie ihre einheitliche Reduzierung auf Grautöne deuten auf ihre Zusammengehörigkeit hin. Diese reduzierte Farbigkeit verweist auf die größtenteils schwarz-weiß gedruckten Fotografien in den zeitgenössischen Medien. Alle Bilder, ausgenommen Jugendbildnis [WVZ: 672-1], Festnahme [WVZ: 674/1-2] und Beerdigung [WVZ: 673][11], basieren auf Polizei- und Kriminalfotografien, die Richter zumeist in Hamburger Pressearchiven in diversen Zeitschriften fand und kopierte. Diese Nutzung von fotografischen Vorlagen deutet auf Richters frühe Fotobilder. Ein Teil des unbenutzten Bildmaterials findet sich bearbeitet und stark verschwommen in Richters Atlas [Blätter: 470–479] und in einem Arbeitsalbum, das 102 Originalkopien Richters beinhaltet und 1995 anlässlich des Verkaufs der Bilder als Geschenk an das MoMA-Archiv ging[12].

 

Ursprünglich hatte Richter 18 Gemälde ausgeführt, drei dieser Arbeiten wurden aber noch vor der Präsentation in Krefeld ausgesondert und übermalt. Dazu zählen ein Bildnis des toten Holger Meins, der am 9. November 1974 an den Folgen eines Hungerstreiks verstorben war, das zum Abstrakten Bild [WVZ: 686-9] wurde und eine zweite Version der Erhängten [WVZ: 668], die zum Bild Decke [WVZ: 680-3] wurde. Beide Bilder zeigen in ihrer jetzigen Form noch Spuren der darunterliegenden Motive[13]. Zudem gab es laut Dietmar Elger eine dritte Variante von Erschossener [WVZ: 669/1-2], die wohl übermalt wurde, derzeit aber nicht eindeutig zu identifizieren ist[14].


Da der Künstler hier auf Bilder verweist, die sich durch ihre starke Medienpräsenz im kollektiven Gedächtnis eingeschrieben haben, kann davon ausgegangen werden, dass Zeitgenossen die Gemälde trotz ihrer verwischten Erscheinung und der Verwendung neutraler Bildtitel unmittelbar mit der RAF und ihren Aktionen in Verbindung brachten. Der Künstler erreicht somit eine erneute Auseinandersetzung mit den Geschehnissen und den damit verbundenen Akteuren. Einerseits nutzt er Fotografien, die als authentisches Abbild der Wirklichkeit verstanden werden, andererseits baut er durch die malerische Bearbeitung und die Titel aber auch eine Distanz zum Abgebildeten auf, die den Betrachter einmal mehr auf seine eigenen Erinnerungen und Emotionen verweist[15]. Auf die Frage, warum Erinnern im Zusammenhang mit der RAF überhaupt notwendig sein sollte, antwortete Richter: “Es kann uns zu neuen Einsichten bringen. Und es kann auch der Versuch sein zu trösten, das heißt, einen Sinn zu geben. Es geht doch auch darum, dass wir so eine Geschichte nicht einfach vergessen können wie Müll, sondern versuchen müssen, anders damit umzugehen – angemessen.[16]



[1] Robert Storr (Hg.): Gerhard Richter. October 18, 1977. The Museum of Modern Art, New York, 2000. S. 95 f.

[2] Vgl. Stefan Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex. 3. Aufl. Hoffman und Campe, Hamburg, 2008. S. 344 ff.

[3] Storr 2000, S. 53.

[4] Ulrike Meinhof nahm sich schon am 9. Mai 1976 in Stammheim das Leben, während der Selbstmordversuch Irmgard Möllers in der Nacht zum 18. Oktober 1977 fehlschlug.  

[5] Storr 2000, S. 62.

[6] Storr 2000, S. 28.

[7] Notizen November 1988 (für die Pressekonferenz Februar 1989 – Museum Haus Esters, Krefeld). In: Gerhard Richter. Text 1961 bis 2007. Schriften, Interviews, Briefe. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2008. S. 205.

[8] So durften beispielsweise die 6 Gemälde, die die Leichen kurz nach ihrer Auffindung zeigen, mit Rücksicht auf die noch lebenden Angehörigen und Freunde der Dargestellten nur im Kontext abgedruckt werden.

[9] Storr 2000, S. 32 f.

[10] Storr 2000, S. 26.

[11] Jugendbildnis basiert auf einer Porträtfotografie Ulrike Meinhofs, das von der Fotografin Inge-Marie Peters aufgenommen wurde, während Festnahme 1 und 2 und Beerdigung zwar auch als Fotografien in der Presse abgedruckt worden waren, es sich dabei aber ursprünglich um Filmaufnahmen handelte. Vgl. Storr 2000, S. 149.

[12] Ortrud Westheider: Eine Idee, die bis zum Tod geht. Der Zyklus “18. Oktober 1977”. In: Uwe M. Schneede (Hg.): Gerhard Richter. Bilder einer Epoche. [Ausst.-Kat.] Bucerius Kunst-Forum, München, 2011. S. 161 f.

[13] Westheider 2011, S. 155.

[14] Dietmar Elger: Gerhard Richter. Catalogue Raisonné Vl. 4, 1988-1994. Hatje Cantz, Ostfildern, 2015, S. 121.

[15] Storr 2000, S. 110 ff.

[16] Gespräch mit Jan Thorn-Prikker über den Zyklus18. Oktober 1977’ 1989. In: Gerhard Richter. Text 1961 bis 2007. Schriften, Interviews, Briefe. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2008. S. 237.



Notiz erstellt von der Redaktion

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